|
|||
|
Tabus in der Familie - Konflikte werden aus Scham und Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung totgeschwiegen
Eric Harris und Dylan Klebold, die siebzehn- und achtzehnjährigen jungen Männer, die anfangs Mai zwölf Mitschüler und einen Lehrer in Littleton, Colorado, umbrachten, hatten sich im Haus ihrer Eltern ein Waffenarsenal, bestehend aus Revolvern, Gewehren und mehr als dreissig Bomben, angelegt, von dessen Existenz iher Mütter und Väter nichts gewusst haben wollen. Auch die Tatsache, dass ihre Söhne T-Shirts mit dem Aufdruck "Serienmörder" trugen und regelrecht besessen von gewalttätigen Videospielen waren, müssen die Eltern beider mit Nachdruck verdrängt oder verharmlost haben. Anders lässt sich ihre vollständige Ahnungslosigkeit und Überraschung angesichts des von Eric und Dylan angerichteten Massakers nicht erklären. Wie tabuisiert die Gewaltbereitschaft des eigenen Kindes offenbar ist, zeigt auch der Fall des österreichischen "Bombenhirns" Franz Fuchs, der 25 Brief- und drei Rohrbomben verschickte, die vier Menschen töteten und zehn verletzten. Fuchs wohnte mit seinen Eltern unter einem Dach, ass mit ihnen, schlief im Zimmer neben ihnen, und trotzdem wollten der Vater und die Mutter nicht wahrhaben, dass ihr Sohn psychisch zusehends abglitt und in kriminelles Fahrwasser geriet. "Familien sind besonders prädestiniert für die Errichtung von Tabus", konstatiert die Wiener Psychoanalytikerin Rotraud A. Perner, "weil der Anspruch, als Familie stets reibungslos zu funktionieren und ihren Mitgliedern als störungsfreier Schutzraum zu dienen, so omnipräsent ist, dass er nicht in Frage gestellt werden darf." Stattdessen würden Familien schon bei der geringsten Irritation erstarren, sich tot stellen und auch in schweren Krisen weiterhin so funktionieren, als sei alles in Ordnung und die familiäre Welt nach wie vor heil und harmonisch. Katrin P., 29, wuchs als Adoptivkind bei einem Paar auf, dessen Ehe vom grassierenden Alkoholmissbrauch des Vaters und dem Leiden der Mutter an ihrer Kinderlosigkeit überschattet wurde - zwei Themen, die wie "eine dunkle Wolke" über der Familie hingen, ständige Spannungen verursachten, aber niemals direkt angesprochen wurden. Nach aussen hin vermittelte man den Eindruck einer intakten Gemeinschaft. "Kein Mensch", erinnert sich Katrin P., "wäre je auf die Idee gekommen, dass bei uns zuhause das nackte Chaos herrschte." Dabei habe sie sich jahrelang nichts sehnlicher gewünscht, als dass eines Tages die Polizei anrufen und ihr mitteilen würde, dass ihre Eltern tötlich verunfallt seien: "Nur auf so radikale Art war für mich die Erlösung von dem unermesslichen familiären Druck vorstellbar." Tabu sind in Familien all jene wirklichen oder auch nur vermeintlichen Schandflecken, bei deren Aufdeckung man mit einem erschrockenen "Das hätte ich aber nie von euch gedacht" der Nachbarn, Freunde oder Verwandten rechnet. Das können Erfahrungen wie der sexuelle Missbrauch des eigenen Kindes, also regelrecht kriminelle Handlungen, sein, aber auch solche, die vor allem als peinlich und hässlich empfunden werden und nicht ins Bild der erfolgreichen, fitten Familie passen wie die Depressionen der Mutter, die Arbeitslosigkeit des Vaters, der Drogenkonsum der Tochter oder die Homosexualität des Sohnes. Darüber hinaus aber geraten auch schon Themen wie die Unzufriedenheit der zwar akademisch gebildeten, aber daheim versauernden Ehefrau und Mutter in die Tabuzone, bei deren Erwähnung der gestresste Gatte derart wütend reagiert, dass es seine Frau fortan tunlichst meidet, das heisse Eisen nochmals anzufassen. Umgekehrt kann es passieren, dass die Unsicherheiten und beruflichen Zukunftsängste des Familienernährers unter familiäres Redeverbot geraten. Zu bedrohlich ist die Vorstellung, sich eines Tages am Rand der Gesellschaft wiederzufinden. Familientabus werden also vor allem aus Scham und der Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung und Ächtung, aber auch aus Furcht vor als unlösbar empfundenen Konflikten errichtet. Häufig dienen sie allerdings auch dazu, bestehende Machtstrukturen zu bewahren. Nur wenn der einstige Gefängnisaufenthalt des Vaters oder die rechtsradikale Vergangenheit des Grossvaters verschwiegen werden, können beide nach wie vor die Rolle des allseits geschätzten Pater Familias spielen. Die Unfähigkeit vieler Familien, sich mit ihren Schattenseiten auseinanderzusetzen, lässt sich nach Einschätzung von Psychoanalytikerin Perner aber auch mit "einem Mangel an kognitiven und emotionalen Konfliktlösungsmodellen" erklären. Das Miteinander-Reden-Können, konstatiert die Fachfrau, geniesse in unserer Gesellschaft keine besondere Wertschätzung. Sprichwörter wie "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" oder "Ein Mann, ein Wort - eine Frau, ein Wörterbuch" würden den verbalen Austausch unter Menschen klar abwerten. Konfrontiert mit ihren Schandflecken stünden Familien dann hilflos und überfordert da und stöhnten nur: "Oh, Gott, was nun?" Unfähig zur Kommunikation, aber auch zum Aushalten der spannungsgeladenen Gefühle werde, so Perner, "der Seelenmüll unter den Teppich gekehrt, bis der Berg darunter so gross ist, dass die Familienmitglieder überhaupt keinen Zugang mehr zueinander finden." Die Blockade ist total, die dringend notwendige Realitätssicht endgültig versperrt und an die Idee, Hilfe von aussen zu holen, denkt unter solchen Bedingungen niemand mehr Stattdessen wird dann mit Macht der Deckel auf den brodelnden Dampfkochtopf gedrückt; die Schweigemauern werden hoch und höher und das familiäre Klima wird immer kälter, unpersönlicher und verlogener. Statt spontaner Gefühlsäusserungen herrscht Kontrolle vor, und die Familienmitglieder entfremden sich einander zusehends. Die 34jährige Renate B., deren sexueller Missbrauch durch ihren Stiefvater zwar im "Gräbli" des elterlichen Bettes passierte, aber gleichwohl nie auf den Familientisch kam, empfand die Stimmung daheim als "so bizarr und unwirklich wie in einem Patricia Highsmith-Roman." Freundinnen durfte sie schon lange nicht mehr nach Hause bringen. Von ihrer Mutter hatte sie auch keine Hilfe zu erwarten. So wurde sie immer häufiger von der Angst ergriffen, an dem "schrecklichen Geheimnis zu ersticken". Eines Tages bekam sie tatsächlich schwere Asthma-Anfälle, die während Jahren immer wieder auftraten. Um die Tabus unter Verschluss zu halten, wenden Familien ein Höchstmass an psychischer Energie auf. Das fängt bei der Gestik, Mimik und den Blicken an, die jegliche Aufmüpfigkeit sofort zum Erliegen bringen: "Und die Mutter blickte stumm auf dem ganzen Tisch herum", wie es im Kinderbuch-Klassiker "Struwelpeter" heisst. Wer wagte da noch zu widersprechen. Renate B.s Stiefvater verpackte das für sie geltende Redeverbot in einem Eintrag in ihrem Poesiealbum, das er seiner zehnjährigen Stieftochter sozusagen als Warnung mit auf den Weg gab: "Wer seinen Mund bewahrt, der bewahrt sein Leben. Wer aber mit dem Maul herausfährt, der kommt in Schrecken." Anderenorts wird unverblümt gedroht: Wenn du nicht schweigst, passiert eine Katastrophe. Oder konkreter: Wenn du jemandem von unserem Geheimnis erzählst, bringt Vater sich um. Nicht selten wird das Stillhalten auch mit körperlicher Gewalt erzwungen. Subtilere Gewalt kommt dort zur Anwendung, wo einem Familienmitglied die eigene Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit abgesprochen wird. Statt die Aussagen der sexuell missbrauchten Tochter ernstzunehmen, heisst es dann: Gisela hatte schon immer eine rege Phantasie. Oder gröber: Gisela spinnt mal wieder. Diese Form des "Crazy Making" oder der Gehirnwäsche hat nachhaltige Folgen, kann sie doch den Realitätsbezug der Betroffenen endgültig zerstören. Doch wer ein Tabu verletzt, muss mit allem rechnen. Dies erlebte kürzlich eine Wiener Psychotherapeutin, die einen Vater wegen sexueller Ausbeutung seiner Kinder anzeigte. Obwohl sie eindeutige Beweise vorlegen konnte, muss sie heute ihre Berufszulassung verteidigen und wird von den Behörden, gemäss ihrer Aussagen, "wie eine Verbrecherin" behandelt. Ähnliches widerfuhr auch der ehemaligen Möriker Schulpflegerin Ruth Ramstein, die es wagte, den im Dorf weitherum geschätzten Primarlehrer und Kunstturntrainer Köbi F. der sexuellen Belästigung seiner Schülerinnen zu beschuldigen. Die Tabubrecherin wurde zur "Hexe" gestempelt und im Aargauer Dorf, das sich zusammenrottete wie eine grosse Inzestfamilie, ausgegrenzt und diffamiert. Noch heute, nachdem F. vor dem Bezirksgericht Laufenburg in erster Instanz zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden ist, wird Ramstein mit anonymen Schmähbriefen eingedeckt. Dass familiäre Tabubrüche tatsächlich Hochseilakte mit Absturzgefahr sind, belegt auf eindrückliche Art auch der aktuelle dänische Film "Festen". Da gerät der sechzigste Geburtstag eines erfolgreichen Unternehmers und Familienoberhaupts zum Debakel, weil der älteste Sohn seinen Vater vor allen Gästen der Vergewaltigung und Schuld am Selbstmord seiner Schwester bezichtigt. Im Verlaufe der Nacht muss sich die honorige Familie ihrer schrecklichen Geschichte stellen und bricht schliesslich entzwei. Auch wenn das Lüften des Geheimnisses mitunter zum familiären Chaos und endgültigen Bruch führt, bildet es, nach Einschätzung des Basler Psychologieprofessors Udo Rauchfleisch, "die einzige Möglichkeit, zu einer wirklichen Befreiung und Klärung zu kommen." Nur so könne unter anderem auch erkannt werden, dass die Ängste vor dem Coming-Out des schwulen Sohnes völlig ungerechtfertigt waren. Nur so liessen sich aber auch jene Energien mobilisieren, die es brauche, um der Alkoholkrankheit der Mutter oder der Sexsucht des chronisch fremdgehenden Vaters fachgerecht zu begegnen und damit auch den familiären Genesungsprozess in Gang zu setzen. "Einzig unter diesen Bedingungen", sagt Rotraud A. Perner, "kann das erstarrte System wieder lebendig werden und die Familie tatsächlich zur Kraftquelle und zum Schutzraum für ihre Mitglieder werden."
Die wichtigsten Familientabus Delikte: - sexuelle Ausbeutung der eigenen Kinder, Neffen, Nichten, Enkel, aber auch fremder Kinder - Vergewaltigung in der Ehe/Partnerschaft - körperliche Gewalt, Misshandlung und Psychoterror von Familienangehörigen - Straftaten wie Mord, Totschlag, Betrug, Raub etc. und damit verbundene Zuchthaus- und Gefängnisstrafen - "dunkle" Flecken in der Familien-Vergangenheit (So sieht sich beispielsweise die US-Aussenministerin Madeleine Albright mit dem Vorwurf konfrontiert, dass ihr Vater bei der Emigration aus Prag 1947 unrechtmässig erworbene Kunstgegenstände mitgenommen habe (Spiegel 17/1999))
Makel: - Homosexualität oder Transsexualität von Familienangehörigen - Psychische Krankheiten wie Depressionen oder Schizophrenie und damit verbundene Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken, Altersdemenz der eigenen Eltern oder Grosseltern - Geistige und/oder körperliche Behinderung - Selbstmord von Familienangehörigen - HIV-Infektion oder Aids - Töchter/Söhne, die der Prostitution nachgehen; Väter, die als Freier auftreten - Impotenz - Suchtkrankheiten wie Drogen-, Alkohol-, Medikamenten-, Fress-, Mager- oder Spielsucht - Verhaltensauffälligkeit von Familienangehörigen wie starke Aggressivität, Beziehungsunfähigkeit, Aussenseiterstatus - Zugehörigkeit zu Sekten oder Parteien mit politischen Extrempositionen - die "falsche" Nationalität oder Hautfarbe von Schwiegertöchtern oder Schwiegersöhnen - Arbeitslosigkeit, Versagen bei Prüfungen und Examen, Konkurs, Schulden - adoptierte oder uneheliche Kinder, künstlich gezeugte Kinder, Kinder von Samenspendern, unfreiwillige Kinderlosigkeit
Unglück: - postnatale Depressionen: das fehlende Mutterglück - Verzicht auf Berufstätigkeit und Karriere und daraus resultierende Unzufriedenheit (vor allem bei Frauen) - Zukunfts- und Versagensängste (eher bei Männern) - Ehe- beziehungsweise Partnerschafts-Tristesse - Enttäuschung von Eltern über ihre "missratenen" Kinder
Interview mit der Wiener Psychoanalytikerin Rotraud A. Perner, 55, über ihr Buch "Darüber spricht man nicht - Tabus in der Familie. Das Schweigen durchbrechen" (1999) Rotraud A. Perner, Sie bezeichnen die Psycho-Talkshows im Fernsehen als moderne Ersatzfamilien. Was können sie leisten, was die eigene Familie nicht leisten kann? Perner: Das Fernsehen schafft Nähe. Der Talkmaster ist eine Person, den man schon jahrelang in der guten Stube gehabt hat und mithin oft besser kennt als die eigenen Eltern oder den eigenen Partner. Mit ihm ist man so vertraut wie mit einem guten Familienangehörigen. Darüber hinaus ist er stets am selben Tag zur selben Zeit verfügbar und erweckt damit den Eindruck von Verlässlichkeit. Talkshows bieten ihren Gästen ganz generell ideale Bedingungen: Bin ich einmal dort, werde ich vom Talkmaster getragen. Ich erfahre die Wohltat der interessierten Nachfrage, weiss, dass ich reden darf und nicht beim ersten kritischen Wort gestoppt werde. Gerade Mitglieder aus Tabu-Familien verbinden mit einem Auftritt in diesen Talkshows die Hoffnung, aus ihrer Isolation ausbrechen zu können.. In welchem Zustand befinden sich die Gäste einer Talkshow? Perner: Die Gäste befinden sich meistens in einem rauschartigen Zustand. Nur die wenigsten sind so abgebrüht und cool, dass sie das ganze nicht berührt. Im Vorfeld herrschen Lampenfieber und bräutliche Erregung: Was passiert mit mir? Nach der Sendung kommt es meistens zu einem grossen Selbstbewusstseinszuwachs: Ich habe es überlebt, es ist gut gegangen, ich konnte etwas von mir erzählen und habe erfahren, dass ich nicht die oder der einzige mit einem solchen Problem bin. Das tut enorm gut. Auf welchen Wegen kommen die Gäste in eine Talkshow? Perner: Die einen sind auf Grund eines Schicksalsschlags öffentlich bekannt geworden und werden von den Redaktionen in ihrer Schwäche so lange bedrängt, bis sie zusagen. Ich denke etwa an die achtzehnjährige Frau, die kürzlich ein Kleinflugzeug mit ihrem sterbenden Vater sicher landete und prompt ein paar Tage später in der Sendung "Vera" sass. Da sage ich als Psychotherapeutin natürlich, dass so eine Person zunächst Krisenintervention und Zeit zur Schockbewältigung bräuchte, aber keine Fernseh-Talkshow. Andere Menschen hingegen müssen nicht erst überredet werden, die zieht es regelrecht ins Fernsehen. Perner: Das klassische Beispiel sind die Eltern des österreichischen "Bombenhirns" Franz Fuchs. Wer ein solches Kind hat, steht unter Rechtfertigungsdruck. Das Fernsehen bietet solchen Leuten die einmalige Chance zu zeigen, dass sie selber harmlos sind, unter der ganzen Situation leiden und überfordert sind. Erstaunlich ist, wieviele Opfer von sexueller Gewalt in den Talkshows schon ihre Geschichte offenbart haben. Perner: Viele dieser Frauen kommen mit der Absicht, Zeugnis davon abzulegen, was ihnen widerfahren ist, und damit in der Hoffnung, andere zu rühren, ihnen Mut zu machen und zu zeigen: Man kann es überleben. Das ist auch eine Form, das eigene Selbstbewusstsein wiederherzustellen und den Respekt der Gesellschaft zu erfahren. Nun stammen ja die meisten dieser Talkgäste aus Familien, in denen mannshohe Schweigemauern den Blick auf die Wahrheit verstellen. Wie gelingt es den Talkmastern, diese Menschen auf einmal und noch dazu vor einem Millionenpublikum dazu zu bringen, ihr Innerstes nach aussen zu kehren? Perner: Da kommt das Messianische des guten Talkmasters zum Tragen: Sprich nur ein Wort zu mir und meine Seele wird gesund. Dabei zeigt er den professionellen Liebesblick, und die Herzen öffnen sich ihm. Also alles Lug und Trug. Perner: Keineswegs. Natürlich interessieren sich die Talkmaster nicht im Sinne von liebenden Partnern für ihre Gäste. Aber wer überhaupt kein Interesse an anderen Menschen aufbringt, wird als Talkmaster scheitern. Diese Menschen sind offenbar so ausgehungert nach Gesprächen, dass alles mehr wert ist als das Schweigen und die Isolation in ihren Familien. Das kann dann auch ein Talkmaster sein, der sie missbraucht, um seine Einschaltquoten hochzutreiben. Perner: Rings um solche Sendungen werden alle missbraucht, die Gäste, der Talkmaster selber, den der Quotenstress schier kaputtmacht, die Experten, die dem ganzen den Anstrich von Seriosität geben müssen. Trotzdem bringen diese Talkshows ja allen offenbar auch etwas. Kommen die Gäste denn nicht häufig mit der Erwartung, dass ihre Teilnahme an der Sendung ihre Probleme lösen werde? Perner: Die Talkshows lösen zwar ihre Probleme nicht, aber sie lösen die Spannung. Sie lösen sozusagen den Zustand, in dem es nicht möglich ist, nach einer Lösung zu suchen. Und trotzdem: Bleibt im Nachhinein nicht vor allem Ernüchterung und ein bitterer Nachgeschmack? Perner: Was ich von Talkshow-Gästen gehört habe, klingt wesentlich positiver. Ihnen wurde Mitgefühl gezeigt, sie wurden in der Folge auf der Strasse angesprochen und bekamen mehrheitlich freundliche Rückmeldungen. Wie reagieren die Herkunftsfamilien? Perner: Die halten sich zurück, weil sie genau wissen, dass mit der TV-Ausstrahlung ein öffentliches Klima der Akzeptanz vorgegeben ist. Höchstens in Missbrauchs-Familien heisst es: "Wie konntest du nur?" Da wird im alten Stil weitergeleugnet und abgeblockt. Facts, 24. Juni 1999 |
|||