Zurück

Gewalt gegen Schwule


Adrian Ramsauer, Bezirksanwalt in Zürich und grüner Gemeinderat in Winterthur, kennt anti-schwule Gewalt aus eigener Erfahrung. Bei der Ausübung seines Berufes war der Schwulenaktivist schon mehrmals Opfer sowohl tätlicher wie auch verbaler Attacken. Mit Unbehagen erinnert er sich vor allem an jenen Angeschuldigten, der ihn im Verlaufe einer Einvernahme nicht nur als "schwule Sau", später dann schriftlich auch als "Adrian Rumsauer" verunglimpfte, sondern ihn darüber hinaus mit einem in beiden Händen erhobenen Stuhl bedrohte. Der Fall hatte Konsequenzen, führte er doch zu einem noch hängigen Verfahren wegen "Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte." Daneben hat Ramsauer gerade kürzlich ein Strafverfahren gegen zwei männliche Jugendliche zum Abschluss gebracht, die einen für homosexuell gehaltenen Mann vor einem Restaurant angepöbelt, körperlich angegriffen und auszurauben versucht hatten.

Anti-schwule Gewalt ist eine Erfahrung, der jeder homosexuelle Mann irgendwanneinmal in seinem Leben ausgesetzt ist und die seine Identität und sein Selbstbewusstsein nachhaltig erschüttert. Dazu gehören Tötungsdelikte, Körperverletzungen, Erpressungen, aber auch subtilere Formen wie Mobbing, verbale Beleidigungen und Diskriminierungen. Bekannt aber werden in der Regel nur besonders gravierende Fälle wie Raubmorde innerhalb des Strichermilieus oder jener Anschlag in Basel, bei dem vor einigen Jahren vier Jugendliche einen Schwulen auf einer öffentlichen WC-Anlage mit Benzin übergossen, angezündet und schwer verletzt zurückgelassen hatten.

Die allermeisten Betroffenen aber halten still und sehen bewusst davon ab, eine Anzeige gegen den oder die Täter zu erstatten. Folglich sei die Dunkelziffer, so Ramsauer, "erheblich". Nach Aussagen von Bastian Finke, einem der Mitbegründer des "Schwulen Überfalltelefons Berlin", betrage sie "80 Prozent" - neben rund 250 anti-schwulen Gewaltakten, die seiner Beratungsstelle jährlich gemeldet werden.

Viele der Opfer schweigen nicht nur, weil sie die Rache der Täter fürchten, sondern vor allem, weil sie ein von tiefem Misstrauen geprägtes Verhältnis zur Polizei haben, die sie seit jeher mit Razzien in Parks, Repression und Strafen gleichsetzen. "Schwule", konstatiert denn auch Ramsauer, "werden noch immer als potentielle Opfer von staatlicher Repression sozialisiert." Bestätigt wurde diese Erfahrung gerade kürzlich, als die Zürcher Kantonspolizei ihre Personenkontrollen vor verschiedenen Autobahnraststätten verstärkte, die von Schwulen zusehends mehr als Treffpunkte, nicht zuletzt zum Austausch von schnellem Sex, genutzt wurden.

Hier tut Abhilfe not, befand Ramsauer und begründete gemeinsam mit anderen, darunter dem Zürcher Staatsanwalt Andreas Brunner, den sogenannt "eckigen Tisch". Das ist ein institutionalisiertes Gesprächsforum, an dem sich Vertreter der Zürcher Polizeikorps und der Justiz erstmals mit Mitgliedern der verschiedenen Homosexuellen-Organisationen zum Thema anti-schwule und anti-lesbische Gewalt austauschen. Sein irritierender Name, so Ramsauer, sei bewusst gewählt und solle das dem Projekt innewohnende Konfliktpotential zum Ausdruck bringen. Das Ziel der Treffen sei letztlich, dass sich mehr Gewaltopfer zu Anzeigen entschieden und damit die Dunkelziffer-Problematik entschärften. Dazu seien "Vertrauensbildung und der Abbau der gegenseitigen Vorurteile" nötig, mithin ein Wandel der Einstellungen, der am "eckigen Tisch" zumindest eingeleitet werden soll.

Auch wenn das Misstrauen nach drei Begegnungen nach wie vor gross ist, konnte dennoch ein erster Erfolg erzielt werden. So nahm sich eine Delegation, bestehend aus Vertretern der Kantons- und Verkehrspolizei und drei Schwulenaktivisten, der Autobahnraststätten-Problematik an und erreichte eine erste Annäherung.

Gleichzeitig wurden innerhalb der Polizei und Justiz Ansprechpersonen bestimmt, die sich dem Thema anti-schwule und anti-lesbische Gewalt widmen und dazu beitragen sollen, dass die Aufklärung solcher Straftaten so opfergerecht wie möglich abgewickelt wird. Innerhalb der Bezirksanwaltschaft nehmen Ramsauer und seine Kollegin Christine Braunschweig diese Funktion wahr; bei der Kantonspolizei ist der Psychologe Markus Gurt dafür zuständig. Die Stadtpolizei hat sogar drei Verantwortliche ernannt.

Wünschbar, so Ramsauer, wären darüber hinaus offen auftretende schwule und lesbische Polizeibeamte, die "entscheidend zur Einstellungsveränderung " innerhalb der nach wie vor konservativen Institution beitragen könnten." Bei der Stadtpolizei Winterthur leistet der offen schwule Beamte Reto Frei Pionierarbeit. In anderen Ländern ist man diesbezüglich weiter. In Sydney zum Beispiel rekrutiert die Polizei selber gezielt homosexuelle Mitarbeitende. In Berlin existiert schon seit einiger Zeit die "H-Pol", ein Arbeitskreis, dem rund vierzig homosexuelle Polizisten und Polizistinnen angehören.

Deutschland hat der anti-schwulen Gewalt sowieso schon länger den Kampf angesagt. So gibt es bereits seit neun Jahren das "Schwule Überfalltelefon Berlin", das von Anbeginn an staatlich finanziert wurde. Vergleichbare Opferhilfestellen wurden inzwischen auch in Köln, München und Frankfurt eingerichtet. Nicht zuletzt dank dieser Institutionen verfügt man in Deutschland bereits über statistische Erhebungen zum Ausmass der anti-schwulen Gewalt und konstatiert, dass jährlich bis zu fünf Prozent aller Schwulen von Angriffen betroffen sind.

In Basel wird zur Zeit die erste wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel "Anti-schwule Gewalt in der Schweiz" erstellt, die Zahlenmaterial liefern und nicht zuletzt Aufschluss über die Beweggründe der mehrheitlich männlichen Täter geben soll. Beim "Überfalltelefon Berlin" weiss man aus der täglichen Arbeit, dass sich drei Gruppen unterscheiden lassen. Die einen greifen an, weil sie Homosexuelle grundsätzlich ablehnen oder gar hassen. Eine zweite Gruppe handelt primär aus materiellen Interessen und geht von der Vorstellung aus, dass Schwule "leichte Beute" seien, die sich nicht wehren können. Die dritte Tätergruppe schliesslich reagiert auf persönliche Frustrationen wie Liebeskummer mit Aggressionen, und dann brauche es, so Berater Finke, mitunter "nur ein händchenhaltendes Schwulenpaar - und schon knallt's."

Die Weltwoche, Nr. 12/1999

Seitenanfang