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Projekt-Tag gegen Gewalt und Ausgrenzung in der Schule
In Gossau ZH fand kürzlich der ökumenische Projekttag "Fair zu mir. Fair zu dir. Vorurteile und Fremdenhass bei uns" für die Klassen der zweiten Oberstufe statt. Die Pfarrer, der Jugendarbeiter und Evelyne Coën, Inhaberin der Zürcher Beratungsfirma Cross-Roads, gestalteten gemeinsam den Grossanlass mit 110 Schülern und deren Lehrern. Der Film fährt ein. Da wird ein Schwarzer in einem Tram auf's Übelste von einer alten Frau angepöbelt. Kein Clichee lässt sie aus, kein rassistisches Vorurteil bleibt ungesagt. Doch der junge Mann revanchiert sich auf freche Art, indem er ihr angesichts der zusteigenden Billetkontrolleure den Fahrschein wegschnappt und hinunterschluckt. Keine Frage,auf wessen Seite die jugendlichen Zuschauer, allesamt Schüler und Schülerinnen aus der Gemeinde Gossau, stehen. "Die Alte soll ruhig sein, wenn sie noch leben will", empört sich eine italienische Schülerin. "Das isch ganz e Weichi", tönt es aus einer anderen Ecke. Die Meinungen sind gemacht: So "e tummi Schnurre" darf niemand haben. Der Auftakt zum vierten ökumenischen Projekttag "Fair zu mir. Fair zu dir. Vorurteile und Fremdenhass bei uns" für die Klassen der zweiten Oberstufe in Gossau ZH sitzt. Sämi Kuster, Jugendarbeiter und Mitorganisator des Grossanlasses für 110 Schüler und deren Lehrer, erklärt denn auch: "Dank diesem Film sind innert Kürze alle fremdenfeindlichen Vorurteile, die herumgeistern, die aber niemand auszusprechen wagt, auf dem Tisch." Gleichzeitig erfahre der gekränkte Schwarze Genugtuung, die Balance werde also wiederhergestellt - "mit der Folge, dass sich die ausländischen Schüler verstanden und ihre möglicherweise rassistisch denkenden Schweizer Kollegen ertappt fühlen." Unberührt, so Kuster, lasse der Film jedenfalls keinen. Genau das ist denn auch eines der Ziele, das Thomas Bachofner, reformierter Pfarrer und ursprünglich "Motor" dieses Projekttages, von Anfang an im Auge hatte: "Wir wollen die Jugendlichen", so Bachofner, "für ihre Art des Umgangs mit Fremden sensibilisieren und damit Präventionsarbeit leisten". Viermal innert vier Jahren hat man dieses Ansinnen nun bereits in die Tat umgesetzt, alles in allem 400 Jugendliche erreicht und darf heute, nicht ganz ohne Stolz, vermelden, dass die beiden Jugendtreffs des Orts bisher von fremdenfeindlichen und rechtsradikalen Ausschreitungen verschont geblieben sind. Dass es dafür auch noch andere Gründe gibt, ist allen Beteiligten klar. Gossau, die 8000 Seelen-Gemeinde im Zürcher Oberland, hat mit knapp zehn Prozent einen vergleichsweise geringen und noch dazu gut integrierten Ausländeranteil. 24 Vereine stehen Kindern und Jugendlichen offen und zählen über 1300 Mitglieder. Die beiden Jugendtreffs sind äusserst beliebt und werden rege genutzt. Gossau repräsentiert mithin jenen Typus von Agglomerationsgemeinde, deren Bevölkerung zwar mehrheitlich in Uster, Wetzikon oder Zürich arbeitet, aber gleichzeitig am Wohnort über überschaubare, ländliche und - wie oben geschildert - durchaus intakte soziale Strukturen verfügt. Nun sind allerdings auch die Gossauer Jugendlichen keine Heiligen. In der Schule beobachten die Lehrer und Pfarrer sehr wohl auch Tendenzen zur Ausgrenzung einzelner Schüler und Schülerinnen, die auf Grund ihres Verhaltens, Aussehens oder ihrer Nationalität zu Sündenböcken gestempelt werden. Kein Wunder, kommen auch im Verlauf des diesjährigen Projekttags fremdenfeindliche Vorurteile zum Vorschein - etwa beim Thema Taschengeld für Asylbewerber. Viele der 14jährigen sind bass erstaunt, dass der tägliche Zustupf nicht mehr als drei Franken beträgt: "Und wieso fahren dann alle Jugos einen Mercedes?" lärmt ein Vorwitziger. Andere wollen fast nicht glauben, dass nur 1,3 Millionen Ausländer in der Schweiz leben: "Merkwürdig," wundert sich eine Schülerin, "ich dachte, es seien mehr als zwei Millionen". "Genau diesen Aha-Effekt", konstatiert Evelyne Coën, Inhaberin der Zürcher Beratungsfirma Cross-Roads und Mitgestalterin des Projekttags, "wollen wir mit Zahlen und Fakten bei den Jugendlichen auslösen und damit ihr Bewusstsein für das Thema schärfen." Doch zunächst sieht sich Coën im Rahmen einer Gesprächsgruppe nochmals krasser Fremdenfeindlichkeit gegenüber. Hier haben die Jugendlichen Gelegenheit, ungeschminkt ihren Vorurteilen, Gefühlen und Erfahrungen mit Gewalt und Diskriminierung Ausdruck zu geben. Gnadenlos behaupten einzelne: "Alle Jugos und Kosovos sind Mörder, Diebe, wollen unser Land besetzen und haben Segelohren und platte Nasen." Einzelne schildern, woher ihr Widerwille rührt: "Ständig pöbeln sie uns an, um aufzufallen." - "Mein Cousin wurde von drei Jugos mit Schlagstöcken angegriffen." Befragt nach der eigenen Gewalttätigkeit, sind sie mit dem Verharmlosen schnell zur Stelle. "Ja, schon. Aber die anderen sind schlimmer." Szenenwechsel. F., ein achtzehnjähriger Kosovo-Albaner, der seit neun Jahren in Gossau lebt, und D., ein neunzehnjähriger Schweizer und "Kosovo-Freund", wie er selber sagt, Sohn einer Bauernfamilie, in der stets für die SVP gestimmt wird, werden im Plenum von Jugendarbeiter Kuster interviewt. Auf einmal hat "der Kosovo, das verhasste Feindbild", wie sich Kuster provokativ ausdrückt, ein reales Gesicht. F., realisiert das Publikum, ist einer von ihnen, besucht wie sie den Jugendtreff, den er kürzlich sogar interimistisch geleitet hat, und erzählt ihnen, dass sein Vater in die Schweiz geflohen ist, weil er politisch verfolgt wurde, und nicht etwa aus Geldgier. Der Saal hört aufmerksam zu, klatscht Beifall: F., "der Kosovo", ist okay. Genau solche Prozesse streben die Verantwortlichen des Gossauer Projekttags an: "Die Schüler und Schülerinnen", sagt Coën, "sollen erleben, dass es Alternativen zu Gewalt und Ausgrenzung gibt." Dazu reiche es nicht, sie zu belehren und ihnen grosse Vorträge zu halten, sondern sie müssten konkret erleben, was es heisse, Vorurteile abzubauen, mithin Grenzen im Denken, Fühlen und Handeln zu überschreiten. An diesem Tag kommunizieren 110 Jugendliche beiderlei Geschlechts aus sechs verschiedenen Schulklassen, zahlreichen Nationen und Religionen gemeinsam mit ihren Lehrern und Pfarrern in kleinen und grossen Gruppen miteinander. Es sei keine Selbstverständlichkeit, sagt Coën, dass eine Vierzehnjährige gemeinsam mit zwei Pfarrern und einem ihrer Lehrer am Boden des Singsaals sitze und mit ihnen "sozusagen auf gleicher Ebene" diskutiere, was man als Fremde in der Schweiz gegen Ausgrenzung vorkehren könne: "Plötzlich sind Alter und hierarchischer Rang sekundär", konstatiert Coën, "und die Gefühle, Erfahrungen und Aussagen des einzelnen stehen im Vordergrund." Wie aus Fremden Menschen mit eigener Herkunft und Geschichte werden, erfahren die Gossauer Jugendlichen sodann in der Begegnung mit zwanzig Austauschschülern und -schülerinnen, mit denen sie sich in Kleingruppen, voller Begeisterung und echtem Interesse, unterhalten. Die Mädchen sind Feuer und Flamme für den blonden Australier mit dem Spitzbärtchen. Die Knaben fahren total auf die langmähnige Amerikanerin ab, auch wenn sie ihnen ungeschminkt vor Augen führt, was man im Ausland über die Schweiz denkt: "Kühe, Käse, Schokolade, Berge und Jodeling". - "Vorurteile", klagt ein Gossauer. Das härteste Stück Arbeit des Tages liegt zu diesem Zeitpunkt bereits hinter den Jugendlichen. Während des Vormittags leitete Coën eine zweistündige bung, in deren Verlauf die Teilnehmenden aufwühlende und mitunter sehr intime Fragen zu beantworten hatten. Durch den Wechsel auf die mit Klebstreifen markierten Ja- oder Nein-Seiten taten sie kund, ob sie daheim geschlagen werden, selber schon einmal zugeschlagen haben oder an Gott glauben. "Durch diese Übung", erklärt Coën, "sollen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen erfahren, wie es sich anfühlt, wenn man selber einmal in der Minderheit ist beziehungsweise wie schnell man sich selber möglicherweise aus Angst vor Ausgrenzung untreu wird, die Unwahrheit sagt und sich contre coeur der Mehrheit anschliesst." In Gossau behaupteten jedenfalls alle, stets die Wahrheit gesagt zu haben. Einzig der katholische Pfarrer gestand zur Überraschung der Anwesenden, dass er nicht ganz sicher sei, ob seine Antwort auf die Frage nach der Anzahl seiner wirklich guten Freunde richtig gewesen sei. Dieser Moment, sagte später ein Schüler, habe ihn noch lange beschäftigt. Der Projekttag "Fair zu mir. Fair zu dir" ist, nach Aussagen des reformierten Pfarrers Bachofner, "ein im Ort gut integrierter, unbestrittener Anlass", an dessen Kosten von 2500 Franken niemand Anstoss nehme. Der Erfolg sei zwar schwer messbar, aber für ihn stelle es bereits einen Wert dar, wenn einzelne im Verlauf des Tages ihre Vorurteile als solche durchschauen und von Überdenken und Verhaltensänderung sprechen würden. Dass solche Worte nicht bloss Lippenbekenntnisse sind, zeigt die Geschichte des siebzehnjährigen Kosovo-Albaners U., eines "einst in Gossau gefürchteten Kastens", der am letztjährigen Projekttag ins Mikrophon sagte: "Ich habe heute begriffen, dass man auf Angriffe anders als mit Gewalttätigkeit reagieren kann." Heute, heisst es, sei U. integriert im Ort und müsse sich nicht länger mit Schlägereien Respekt verschaffen. Kurze Zeit nach dem diesjährigen Projekttag randalierten auswärtige Benutzer unter Alkoholeinfluss im "Pöschtli", einem der Gossauer Jugendtreffs. F., der achtzehnjährige Kosovo-Albaner und Teilzeit-Leiter, stellte sich den unfreundlichen Gästen entgegen und machte ihnen die Tragweite ihres zerstörerischen Tuns erfolgreich deutlich. "F.", sagt Jugendarbeiter Kuster, "hat dank seinem Auftritt am Projekttag und der ihm dort entgegengebrachten Sympathie klar an Selbstbewusstsein gewonnen."
Überwiegend positive Reaktionen der Schülerinnen und Schüler Der Projekttag in Gossau stösst bei den meisten Jugendlichen auf Interesse, obwohl er Teil des kirchlichen Unterrichts und damit für alle Jugendlichen der zweiten Oberstufe obligatorisch ist. Nur wer religiöse Gründe geltend machen kann, ist suspendiert, muss aber dafür den Schulunterricht besuchen. Einige der 14jährigen betonen am Morgen denn auch, dass sie nicht freiwillig da seien und das Thema Gewalt und Fremdenhass eigentlich langweilig fänden: "Wir haben schon genug darüber in der Schule gehört." - "Fernsehgucken wäre lässiger." Doch in der Schlussrunde äussern sich die Ober-, Real- und Sekundarschüler aufgeräumt und wohlwollend gegenüber der Veranstaltung. Im Verlaufe des Tages sind sie offensichtlich bei eigenen Erfahrungen und Erlebnissen gepackt worden. Ihre ganz grosse Begeisterung gehört den Austauschschülern und -schülerinnen aus allen fünf Kontinenten. Aber auch die Gesprächsrunde mit F., dem Kosovo-Albaner, und D., seinem Schweizer Freund, findet bei ihnen grossen Anklang und lässt sie auch in den Pausen der Veranstaltung ernsthaft über ihr eigenes Verhalten diskutieren. Auf die Frage, ob sie als Konsequenz des Tages irgendeinen Vorsatz gefasst hätten, kündigt ein Knabe den Wunsch nach einer Weltreise an. Die Begegnung mit so vielen fremden Nationen habe ihn neugierig gemacht. Ein eher schüchterner, zierlicher Bauernsohn bekennt vor allen Anwesenden, dass er heute realisiert habe, dass er Ausländern gegenüber zu viele Vorurteile habe, und künftig sein Verhalten ändern werde. Mehrere schliessen sich seinen Worten an, und der Saal applaudiert. Ein einziger Schüler hält hartnäckig an seinem Desinteresse fest: "Mir hat es gestunken", sagt er mit trotziger Stimme ins Mikrophon. Als die Jugendlichen schliesslich gefragt werden, ob noch Wünsche offen seien, plädiert ein Mädchen dafür, dass das Thema Gewalt nach diesem Tag nicht zu den Akten gelegt, sondern in der Schule weiterbehandelt werde. Und ausgerechnet einer jener Schüler, die am Morgen gar nichts für den Anlass übrig hatten, fordert, dass es nächstes Jahr "unbedingt wieder einen solchen Projekttag geben soll." Tages-Anzeiger, Nr. 7/1999 |
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