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Männer sind schlechte Verlierer - an prominenten Beispielen mangelt es jedenfalls nicht
Roger Schawinski hat wieder einmal den Vogel abgeschossen. Da wollte der Tele 24-Chef, gemäss eigener Worte, einen "practical joke" machen und den kürzlich in der Schweiz weilenden deutschen Aussenminister Joschka Fischer nicht konventionell interviewen, sondern den begeisterten Hobbysportler während einem seiner täglichen Joggingläufe begleiten. Nirgendwo, weiss Schawinski nämlich, lerne man einen Menschen so gut kennen wie im Sport. Doch dann wurde aus dem munteren Scherz plötzlich bitterer Ernst. Als der Zürcher "Tages-Anzeiger" nach dem Rennen schrieb, dass Schawinski "schon bald nicht mehr mithalten konnte und erst wieder aufschloss, als die Läufergruppe verlangsamte", wurde der Medienmann sauer und begann zu telefonieren. Zuerst mit dem Journalisten, dann mit dessen Chefredaktorin und schliesslich mit der deutschen Botschaft, die ihm doch, bitte, schriftlich bestätigen möge, dass er "nie mehr als drei Meter hinter Fischer zurückgefallen" sei. Diese Korrektur rückte anderntags auch der "Tages-Anzeiger" mit, zugegeben, leicht süffisantem Unterton in seinem Blatt ein. So nicht, befand Schawinski, und zog sogar eine Beschwerde beim neuinstallierten "Tages-Anzeiger"-Ombudsmann in Betracht. Dieses Vorgehen war aber selbst ihm schliesslich "zu blöd", und er sah davon ab. Szenenkenner schüttelten konsterniert den Kopf. Wie kann sich ein erwachsener Mann, wunderten sie sich, nur so aufführen wegen einer läppischen sportlichen Niederlage. Doch Schawinski, bereits wieder in Aufruhr, winkt ab: "Mit meiner Niederlage hat das ganze überhaupt nichts zu tun; mir ging es einzig und allein um die Frage der journalistischen Wahrheit." Viele Männer sind schlechte Verlierer. In ihren Augen ist Scheitern unmännlich. Der "richtige" Mann hingegen ist überlegen, kontrolliert, hat mithin alles im Griff. "Erfolg", konstatiert der Zürcher PR-Berater Klaus J. Stöhlker, "macht sexy". Eine Niederlage aber kratzt am Bild des omnipotenten, unverwüstlichen, starken Geschlechts und zwingt die Betroffenen, sich mit ihren körperlichen und/oder geistigen Grenzen auseinanderzusetzen und folglich ihre Grössenphantasien zu korrigieren. Niederlagen in Lebensbereichen, aus denen Männer gemeinhin ihre Identität beziehen, treffen die einzelnen denn auch am härtesten. Dazu gehören die Entlassung des Managers genauso wie der Verriss des Schriftstellers im Feuilleton, das können die Untreue der Ehefrau, aber auch die eigene Potenzstörung oder - wie das Beispiel Schawinskis zeigt - eine Schlappe im Freizeitsport sein. Leistungssportler hingegen lernen notgedrungen mit Niederlagen zu leben, wobei es auch unter ihnen ausgesprochen schlechte Verlierer gibt, wie wir noch sehen werden. Die heutige erfolgssüchtige Gesellschaft hat aber auch keine Lust auf Looser. In einer Welt, in der Individualismus und Narzissmus grossgeschrieben sind, in der jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, mithin die Devise gilt: Wer will, der kann, sind halt jene, die nicht können, selber schuld. Sie tragen das Stigma des persönlichen Versagens. Nicht genug damit, werden Verlierer oftmals wie Aussätzige behandelt, die es zu meiden gilt: "Ihre Umgebung", analysiert Stöhlker, "hat Angst, sich bei ihnen anzustecken." Angesichts solcher Konsequenzen kann es nicht überraschen, dass jeder Mann schnell einmal seine individuelle Art des Umgangs mit so bitteren Erfahrungen entwickelt. Die einen nehmen Niederlagen gar nicht als solche wahr, leugnen sie und tun so, als wäre nichts gewesen. Als der Schweizer Fussballtrainer Christian Gross vergangenen Herbst nach nur 285 Tagen vom englischen Erstligisten Tottenham Hotspurs entlassen wurde, behauptete er gegenüber einem Journalisten: "Aber eine Niederlage ist das für mich überhaupt nicht", und doppelte wenig später nach: "Es ist jetzt zu früh, um von einem Scheitern zu reden." Präsident Bill Clinton praktizierte im Verlauf der für ihn hochriskanten Lewinsky-Affäre die US-amerikanische Spielart dieser Strategie: Er leugnete, log, stritt ab, was das Zeug hielt, war höchstens zu bedeutungslosen Teileingeständnissen bereit, und trat gleichzeitig in anderen Domänen mit Vollgas die Flucht nach vorn an, indem er innenpolitisch die Frauenförderung forcierte, die Armee aufrüstete und just in dieser Zeit erneut den Irak bombardieren liess. Der kommune Schweizer Verlierer flieht lieber in die andere Richtung: Er zieht sich zurück, verschwindet aus dem öffentlichen Leben, verstummt und leckt sich seine Wunden. "Frei nach dem Motto: Wer Schande auf sich gehäuft hat, versteckt sich", analysiert Unternehmensberater Stöhlker, habe beispielsweise der gescheiterte UBS-Verwaltungsratspräsident Matthis Cabbiallavetta den Rückzug ins ferne Kanada angetreten. Ihm gleich tat es seinerzeit auch der ehemalige "10 vor 10"-Moderator Walter Eggenberger, der sich nach seiner Nichtbeförderung zum Chef des TV-Nachrichtenmagazins nach Nordkorea absetzte, um im Dienste des Schweizerischen Katastrophenhilfekorps zu wirken. Den "Tagesschau"-Sprecher Hansjörg Enz zog es in ein slowenisches Kartäuserkloster, als er die Schmach zu verdauen hatte, dass er zugunsten einer Frau seinen Sessel räumen musste. Flucht nach vorn, Flucht in die Fremde, Flucht in die Krankheit. Manager, weiss die Zürcher Headhunterin Rita Baechler, fliehen in der Stunde der Niederlage häufig in eine körperliche Krankheit: "Die vielen Herzinfarkte und Hirnschläge", sagt Baechler, "sprechen ihre eigene Sprache." Schawinski - und mit ihm etliche andere Männer - fliehen nicht, nein, sie zetteln auf Nebenschauplätzen ein zusätzliches Scharmützel an, aus dem sie unter allen Umständen als Sieger hervorgehen müssen. Schawinski verliert zwar im Joggen gegen Fischer, will aber im Streit mit dem "Tages-Anzeiger" unbedingt recht bekommen. Der von seiner Frau verschmähte Ehemann muss zwar die Niederlage der Scheidung kassieren, will dafür aber um jeden Preis den Sorgerechtsprozess um die gemeinsamen Kinder gewinnen, um die er sich bis zu diesem Zeitpunkt nie gross gekümmert hat. Egal, Hauptsache er macht auch noch ein paar Punkte. Gerade in Beziehungskonflikten erlebt die Paartherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin immer wieder Männer, die mit "einem hochexplosiven Gemisch aus Weinerlichkeit und unerträglicher Brutalität" reagieren, wenn ihnen die Macht über ihre Partnerinnen entgleitet. Vor allem jene Männer, so Welter-Enderlin, die "mit einem aufgeblähten Selbstbild und vielfach fremdbestimmten Ansprüchen an sich und ihr Leben herumlaufen", können in Momenten der Desillusionierung zu "unberechenbaren Amokläufern werden, die im schlimmsten Fall ihre Frauen und Kinder umbringen." Vergleichbare Niederlagen im Berufsleben würden diese "Bubi-Männer" nicht selten mit Mobbing-Attacken auf Kollegen oder Untergebene beantworten. Wenn sich dann, aller Scham und Peinlichkeit zum Trotz, doch einmal ein Verlierer zu Wort meldet und öffentlich eingesteht, wie kränkend eine Niederlage sein kann, passiert mitunter berraschendes. Genau das widerfuhr dem Zürcher Schriftsteller und Psychoanalytiker Jürg Acklin. Nachdem Acklin in einem ganzseitigen "Tages-Anzeiger"-Interview geschildert hatte, wie sehr ihn seine Nicht-Einladung an die vergangene Frankfurter Buchmesse verletzt und mit Neid auf seine eingeladenen Kollegen erfüllt habe, schlug ihm "eine Welle der Sympathie und des Respekts" entgegen. Endlich, hiess es, habe einmal einer den Mut und sage, wie sich eine Niederlage anfühle. Mit Erleichterung, so Acklin, hätten viele wahrgenommen, dass auch ein Mann seine Verletzbarkeit zeigen könne und nachher trotzdem "nicht erledigt" sei. Niederlagen sind immer schmerzlich. Das weiss schon der siebenjährige Knabe, der wutentbrannt das "Eile mit Weile"-Brett über den Haufen wirft, wenn er unwiderruflich in Rückstand gerät. Doch für Acklin "gehört das Scheitern zwingend zum Leben". Wer es ständig verleugnen müsse, sei kein Mensch, sondern eine Maschine. In keiner anderen Lebenslage, so der Psychoanalytiker, lerne man soviel über sich selber. Niederlagen, weiss auch Headhunterin Baechler, entpuppten sich oftmals als "Chancen, dank denen sich neue berufliche und persönliche Visionen entfalten können." Schöne Worte, dürfte Berti Vogts, der ehemalige deutsche Fussball-Nationaltrainer, dazu meinen. Vogts, wissen nämlich Insider, war zwar einst ein beinharter, als "Wadenbeisser" verschrieener Bundesliga-Verteidiger. Verlieren konnte er trotzdem nur schlecht. Einem aktiven Sportler lässt man so etwas gern als "Siegeshunger" durchgehen. Peinlich wurde es erst, als Vogts, inzwischen zum Bundestrainer avanciert, nach dem frühzeitigen Ausscheiden seiner Mannschaft an der letztjährigen WM öffentlich den Schiedsrichter attackierte und von "dunklen Machenschaften" höchster Fifa-Kreise gegen sein Team phantasierte. Statt den Fehler bei sich zu suchen, wird die Schuld an einer Niederlage Aussenstehenden in die Schuhe geschoben. Ähnlich verfuhr auch der inzwischen entlassene Grasshoppers-Trainer Rolf Fringer, als er sich mit zunehmender Kritik an der Leistung seiner Mannschaft immer gereizter über das vermeintlich undankbare Publikum im heimischen Hardturmstadion ausliess. Psychohygienisch mag es durchaus von Nutzen sein, die Schuld am eigenen Versagen nach aussen zu delegieren. Besonders reif und souverän wirkt es jedoch nicht. Höchst unsouverän traten auch Adolf Muschg und Thomas Hürlimann, die beiden grossen Schweizer Nationaldichter, in Erscheinung, als sie sich weigerten, an einem im Rahmen der Frankfurter Buchmesse durchgeführten und vom Schweizer Literaturkritiker Andreas Isenschmid moderierten Podiumsgespräch teilzunehmen. Isenschmid muss den beleidigten Leberwürsten irgendwann einmal auf die zarte Künstlerseele getreten sein. Muschg liess immerhin durchblicken, dass ihn Isenschmids Verriss seines neuen Romans "0 mein Heimatland!" dermassen verärgert habe. Hürlimann hüllt sich hartnäckig in Schweigen. Künstler müssen sensibel sein, sonst sind sie nicht kreativ. Wer sich zudem jahrelang für ein grosses Werk gequält und abgerackert hat, darf schon einmal schmollen, wenn ihn "ein Kritikerwürstli" (Isenschmid) mir nichts, dir nichts niedermacht. Doch viele Männer kommen ja nicht einmal mit belanglosen Schlappen in marginalen Lebensbereichen klar. Der Freizeitsportbereich ist eine solche Domäne, die voller Explosivkraft steckt. Man beobachte nur einmal zwei Tennisspieler bei einem sogenannten "Plauschmätschli". Da beisst sich der Verlierer eher die Zunge ab, als dass er seinem Gegner attestieren würde: "Du warst gut." Stattdessen sagt er: "Ich hatte einen schlechten Tag", womit gleichzeitig der Sieg des anderen relativiert wäre. Männer sind ungeübt im Reden über ihre Schwächen, Enttäuschungen und Kränkungen. Folglich sind viele von ihnen auch unfähig, sich in Momenten der Krise Unterstützung zu holen. Und sowieso - als hilfsbedürftige und bemitleidenswerte Geschöpfe wollen sie schon gar nicht dastehen. Das ist ein Teufelskreis, und wer nicht ausbricht, tritt an Ort. Je älter Männer werden, um so herber können auch die Niederlagen einfahren. Denn das Altwerden, diese ständige Konfrontation mit den eigenen Grenzen, ist ja für viele Männer schon kränkend genug. Da will der 53jährige Roger Schawinski, der betont, wie bedeutungsvoll Sport für einen Mann seines Alters sei, nicht noch und vor allem ungerechtfertigterweise hören, "dass ich im Joggen eine Flasche bin." Die Weltwoche, Nr. 13/1999 |
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